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22.05.2017
#wallerdesmonats: Patrik Marini | May 2017

Das ist Patrik Marini,unser Waller des Monats Mai.
Kategorie: Musik und Unterhaltung.

Hier findet ihr das Fotoshooting mit Patrik.

Seit ich 10 Jahre alt bin, tanze ich. Wie viele vor mir, habe auch ich mit dem Hip-Hop begonnen. Nach drei Jahren hat mich meine Lehrerin an den Modern Jazz heran geführt, und damit eröffneten sich für mich ganz neue Welten. Es hat mich viel Anstrengung gekostet an Flexibilität und Gleichgewicht zu gewinnen. Noch lässt meine Technik des modernen Tanzes zu wünschen übrig, dessen bin ich mir bewusst. Von der Theorie zur Praxis ist es ein weiter Weg. Engagement und Studium sind erforderlich.
Tanzen fand für mich immer neben der Schule oder der Arbeit statt. Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich ausschließlich dem Tanzen widmen können. Nach Abschluss der Oberschule hatte ich darüber nachgedacht: Gehe ich nun studieren, oder bereise ich die Welt und versuche als Tänzer zu arbeiten? Das wäre schön gewesen, aber aus finanziellen Gründen konnten ich und meine Familie es uns nicht leisten. Die Akademien für Tanz kosten sehr viel Geld, und so viel zu riskieren schien mir zu jener Zeit nicht möglich.
Ich habe jedoch nicht aufgehört zu studieren. Den Umstand, dass ich meinen Traum nicht umsetzen konnte, habe ich mit der Teilnahme an Praktika und Weiterbildungen kompensiert. Dank Stefania Bertola, meiner Tanzlehrerin, haben wir uns bzw. ich mich immer mehr der “Contact Improvvisation” zugewandt: einer Technik, bei der die Körper miteinander in Kontakt treten, nicht unbedingt den stereotypen Tanz Techniken folgend, die sich seit 1900 entwickelten, sondern bewusst die Räume nutzend und erlebend, die vorhanden, aber auch jene, die nicht vorhanden sind. Bei dieser Art des Tanzes ist es fundamental zu verstehen, wo dein eigener Raum endet, und der des Anderen beginnt. Es ist nicht sehr einfach gemeinsam mit Anderen zu tanzen, ganz im Gegenteil ist es sogar sehr schwierig. Genauso schwierig ist es für einen Tänzer sich gar nicht zu bewegen und still zu verharren. Keine Bewegungen auszuführen ist nach wie vor die schwierigste Sache und somit auch die interessanteste.
Improvisation sollte - meines Erachtens nach - ein Ansatz sein, den Jeder in seinem Leben einmal erfahren sollte. Es handelt sich um eine  Tätigkeit, die es ermöglicht mehr über den eigenen Körper zu erfahren, und herauszufinden, wie dieser in Kontakt mit der restlichen Welt kommen kann. Improvisation funktioniert nicht, wenn die Grenzen des Körpers nicht geöffnet werden. Die Ausführung der Improvisation würde allen nützlich sein, weil sie die Beziehung zwischen Körper und Körper und Körper und Raum untersucht, ohne der Technik unterworfen zu sein.
Ich liebe es Techniken und Choreographie mit Improvisation zu mischen, die ersten beiden sind Ästhetik und Kunst, aber an der Improvisation wächst man und lernt etwas über sich selbst und andere. Man folgt weder der Musik noch einem spezifischen Thema. Man lässt sich inspirieren von dem, was der andere tut, wiederholt eine Bewegung oder verändert sie leicht. Dann nimmt die andere Person die Bewegung von dir wieder auf. Es ist ein Aufeinanderfolgen von Bewegungen, die sich gegenseitig beeinflussen.

Ich denke, die Ära des Tanzes der Wiederholungen ist zu Ende gegangen. Damit meine ich nicht, dass die Technik nicht wichtig ist, ganz im Gegenteil. Dank ihr, erwirbt man die Sicherheit seiner eigenen Bewegungen, man weiß, wohin es gehen soll. Die Technik dient der Balance, der Linien und der Ästhetik der Bewegung. Der Tänzer, der Technik studiert hat und mit der Improvistion konfrontiert wird, fühlt sich zunächst verloren. Er ist es nicht gewohnt, keine Grenzen zu haben. Paradoxerweise erfährt die Improvisation öfter mehr Aufmerksamkeit dank der Leichtigkeit der Bewegungen, nicht wegen ihrer Schönheit, bei Personen, die nicht Tanz studiert haben.
Ich sehe das auch bei mir. Nicht immer schaffe ich es, mich von der Technik zu lösen. Nach 10 Jahren Studium ist sie ein Teil von mir. Eine Person ohne eine Vorprägung dieser Art jedoch, kann tolle Ergebnisse allein mit dem Instinkt erreichen. Ich selbst muss mich anstrengen, wenn ich improvisiere, meinem Körper nicht sagen zu wollen, was er machen soll, sondern mich gehen zu lassen. Wenn jemals jemand zu mir kommen und einen Rat über das Tanzen erbeten sollte, würde dieser wie folgt lauten: lerne nicht zu tanzen, lerne nicht zu denken und lerne aus den Schienen herauszukommen, die dir die Musik aufdrängt. Ich finde es ein bisschen traurig, manchmal eine Bewegung einer Note anzupassen. Ich finde es dagegen schön, auch zu zwei unterschiedlichen Meldodien in derselben Art zu tanzen.
Mir gefällt es sehr zu einer Stimme, einer Erzählung zu tanzen.

Es ist wichtig den Tanz der Avantgarde zu studieren. Es ist wichtig diese Techniken zu kennen und sie nicht von vorherein von der eigenen Ausbildung auszuschließen. So habe ich nie den klassischen Tanz ausgelassen. Es ist fundamental zu verstehen, was man nicht machen sollte.
Es ist hilfreich schon mit jungen Jahren das Studium zu beginnen. Umso mehr man lernt umso mehr verinnerlicht man die Technik. Irgendwann, musst man sich jedoch bewusst von ihr loslösen, wissend, dass man dieser Technik nicht mehr folgen will und sie nicht mehr der Grundstein des eigenen künstlerischen Werdeganges sein soll.

In Italien ist es schwierig, von Performance-Kunst zu leben. Die Mittel sind gering. Es gibt kein Universitätsstudium für Tanz oder Theater. Es fehlt eine institutionelle Anerkennung für Modernen Tanz. Man müsste das Land verlassen. Ich würde zum Beispiel dazu raten nach Amsterdam zu gehen, wo es eine wichtige Akademie für Modernen Tanz gibt. Um in einer Akademie für Tanz aufgenommen zu werden, ist es nicht unbedingt ausschlaggebend, dass man studiert hat. Heutzutage sind die Akademien sehr offen.
Es gibt viele Kompanien, von denen ich mich inspirieren lasse. Da gibt es an erster Stelle die La Veronal, eine spanische Tanzkompanie, dessen Arbeit mit viel Kontakt ich sehr schätze. Dann gibt es natürlich noch andere Tanzkompanien in Indien oder in Israel, zum Beispiel die Kibbutz Contemporary Dance Company und die Batscheva Company, die für mich die höchste Kunst des Tanzes sind.
Ich kann nur dazu raten es mit einer Kompanie, einer Akademie des Tanzes oder dem Aufbau einer eigenen Kompanie zu versuchen. In Bozen sind die hohen Mieten ein Problem. Die Räumlichkeiten müssen weiterhin angepasst sein und bestimmten Bedürfnissen entsprechen. Was den Rest betrifft, gibt es keine ernsthaften Probleme. Wenn du ein paar Freunde und Freundinnen hast, den du vertrauen kannst und dessen Tanzkünste du zu schätzen weißt, reichen ein paar Anstrengungen, um zum Erfolg zu kommen.

Aus dem Glossar von A-Z wähle ich das Wort Vertrauen: Man sollte in erster Linie Vertrauen haben in das Neue, in etwas Riskantes, in etwas, bei dem man nicht weiß, ob es funktioniert. Denn wenn es dann doch funktioniert, ist dies eine viel größere Genugtuung und eine Wende der Dinge. Es ist wichtig, Vertrauen in die Jugend, in die zeitgenössische Kunst und allen ihren Ausprägungen zu haben. Man sollte der Zukunft ihren Lauf lassen, ich denke, das ist zurzeit grundlegend für den zeitgenössischen Tanz.

Ich habe mich bei der Wall eingeschrieben, weil es, als ich die Wall gesehen und von ihrer Existenz erfahren habe, in mir einen Ruck gegeben hat. Und ich habe mir gesagt: es hat niemals so etwas gegeben, vielleicht hätte ich auch niemals an so etwas gedacht, aber zum Glück gibt es das jetzt. Es war an der Zeit und Vielen Dank! – Ich ziehe mich nie vor Neuem zurück. Es gefällt mir, Vertrauen zu geben. Daher habe ich die Wall als Möglichkeit gesehen und es hat mich keine Anstrengung gekostet.