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03.12.2018
WS Call focus on > Ganz Töll

Die Interviews von Giulia Calò für die Rubrik „WS focus on“ gehen weiter. Ihr habt sehr zahlreich am WS Call teilgenommen und viele Projekte waren wirklich interessant, auch wenn sie die Auswahl nicht bestanden haben. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, euch über einige Projekte und ihre Protagonisten zu berichten. Und natürlich hoffen wir, dass sie auch ohne die Hilfe von WS so richtig abheben! Hier folgt ein Bericht zum Projekt „Ganz Töll“. Viel Spaß beim Lesen!

GANZ TÖLL

Davide Perbellini + Carola Traverso + Marina Baldo

Ich habe mich mit Davide Perbellini und Carola Traverso in einer Bar in der Nähe der Uni verabredet. Als ich ankam, warteten sie bereits auf mich. Gemeinsam mit Marina Baldo haben sie das Projekt Ganz Töll, eine Fotoausstellung im Wasserkraftwerk von Töll, vorgestellt. Dabei sollen die Fotos, untermalt von Videos und Klängen, die Kraft des Wassers und seine Bedeutung für den Menschen verdeutlichen.

Möchtet ihr mir etwas über euch erzählen?

DAVIDE: Nach der Matura habe ich Fotografie in Mailand studiert. Anschließend habe ich in einem Hochzeitsstudio gearbeitet und es gehasst, dann in Südtirol bei einer Zeitung, aber diese Arbeit macht heute jeder mit dem Handy, Fotografen werden dafür nicht mehr benötigt. Später war ich bei einigen Filmen und Fernsehserien für den Bereich Fotografie zuständig. Schließlich habe ich einige Interieure für einen Meraner Innenarchitekten fotografiert: Die Stadtlandschaft und Architektur haben mich immer interessiert, aber ich hatte nie daran gedacht, sie zu fotografieren. Innerhalb von vier Jahren bin ich dann so weit gekommen, mich ausschließlich damit zu befassen und mit Architekten, Designern und Hotels zusammenzuarbeiten. Was mich allerdings nicht interessiert, ist es, Interieure mit schönen, bunten Models zu abzulichten... Wenn man sich meine Hotels ansieht, sind sie alle etwas farblos. Darüber hinaus arbeite ich auch für das Fotoarchiv. Das bin ich, mitunter ein bisschen eigenwillig. Nicht wahr?

CAROLA: Ja, sehr. Ich hingegen bin in Genua geboren und aufgewachsen und habe Bühnenbild studiert. Später war ich als Kostümbildnerin auf einigen Tourneen dabei. Auf diesem Weg bin ich nach Bozen gekommen, wo ich mich verliebt habe, und zwar nicht nur in die Stadt... Ich habe also beschlossen, so schnell wie möglich nach Bozen zu ziehen und lebe nun seit einigen Jahren in der Stadt. Hier kann ich meiner großen Leidenschaft für die Berge nachgehen und über die Gegend und die Berge schreiben sowie Interviews führen.

Nun zu eurem Projekt. Wie entstand es und was sind die Absichten dahinter? 

DAVIDE: Letztes Jahr habe ich mit anderen Fotografen in der Ortschaft Crespi d'Adda in der Lombardei gearbeitet, wo wir unter anderem zwei Wasserkraftwerke fotografiert haben. Wasserkraftwerke sind Orte, die für gewöhnliche Menschen nicht zugänglich sind. Daher meine Idee, ein Projekt über die Kraftwerke in Südtirol ins Leben zu rufen, bei dem die Kraft des Wassers innerhalb seiner verschiedenen Architekturformen dargestellt wird, einige davon rationalistisch, andere mit Fresken im Jugendstil, einige mit sichtbarem Wasser, andere nur mit Rohren. Es ging auch darum, den Menschen zu zeigen, wie ein Kraftwerk mit seinen tausend Klängen und Geräuschen aussieht. Hinzu kommen Fotografie, Videos und die Musik von Maurizio, mit dem wir ebenfalls zusammenarbeiten. Das bald 120 Jahre alte Wasserwerk in Töll schien uns der perfekte Ausgangspunkt für das Projekt.

CAROLA: Wir haben festgestellt, dass Wasserkraftwerke in der Regel ferngesteuert sind oder nur von wenigen Personen betrieben werden. Es handelt sich also um nahezu leere Räume, die für andere Zwecke genutzt werden könnten. In Dro im Trentino ist das der Fall, das ehemalige Wasserkraftwerk ist zu einer Residenz für Künstler geworden: Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie man bereits bestehende Räume nutzen kann. Das bietet die Möglichkeit, Kunst dorthin zu bringen, wo sie nicht zu Hause ist, und gleichzeitig schöne und wesentliche Orte der Umgebung bekannt zu machen.

Gab es Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Projekts?

CAROLA: Ehrlich gesagt war das größte, möglicherweise etwas philosophische Hindernis die Tatsache, dass die Kreativität eines der Kriterien war. Was ist Kreativität? Ist es die Intuition? Der Stil? Eine Arbeit muss nicht kreativ sein, um gut zu sein. Insofern gehörte die Kreativität vielleicht zu den schwierigsten Kriterien, über das man lange reden könnte, denn es kommt darauf an, was man darunter versteht.

DAVIDE: Genau, unser Projekt sollte einfach durch die Verbindung zweier Künste einen Zweck erfüllen. Wir möchten unsere Arbeit und unsere Erfahrungen, die wir an einem den Menschen unbekannten Ort sammeln konnten, in Form einer Ausstellung oder Veranstaltung an die Menschen zurückzugeben und ihnen einen Ort zeigen, der ihnen näher ist, als sie denken.

Nun zur letzten Frage. Wenn jemand mit euch Abend essen möchte, um über euer Projekt zu sprechen, was würdet ihr gern essen?

DAVIDE: Wir würden zunächst mit einer Flasche Rotwein beginnen, die muss sein.

 

Interview: Giulia Calò